Warum Entsendungen ins Ausland Personaler herausfordern (Teil 1)

ntsendungen-ins-AuslandIn einer globalisierten Welt, in der Ländergrenzen meist nur noch auf dem Papier gezeichnet sind, kommt es vermehrt zum Kontakt zwischen verschiedenen Kulturen. Im Arbeitsalltag müssen die Mitarbeiter hierbei meist nicht nur auf einer anderen Sprache kommunizieren sondern gleichzeitig sensibel mit Kulturunterschieden umgehen können.

Ob im internationalen Austausch, in Verhandlungen, während Auslandsentsendungen oder bei der Arbeit in multikulturellen Teams, von den Mitarbeitern wird zunehmend interkulturelle Handlungskompetenz gefordert. Dies betrifft besonders die folgenden Berufsgruppen und Tätigkeitsfelder:

  • Fach- und Führungskräfte, die über längere Zeit von ihrer Organisation ins Ausland entsendet werden, die so genannten „Expatriates“ oder kurz „Expats“
  • Fach- und Führungskräfte, die repräsentativ für eine global agierende Organisation internationale Kontakte herstellen und aufrechterhalten
  • Fach- und Führungskräfte, die in interkulturellen Teams weltweite Projektaufgaben bewerkstelligen
  • Fach- und Führungskräfte, die Tochter- oder Partnerorganisationen im Ausland unterstützen
  • Fach- und Führungskräfte, die in einer „mehrkulturellen“ Belegschaft arbeiten

Expatriates haben es nicht leicht

2013 erwarteten mehr als 70 Prozent der Unternehmen eine zunehmende Anzahl von kurzfristigen Auslandsentsendungen. Langfristige Auslandsentsendungen werden von 55 Prozent als zunehmend eingeschätzt. Eine Studie von Mercer zeigt, dass die durchschnittliche Aufenthaltsdauer bei kurzfristigen Entsendungen etwa acht Monat beträgt, bei langfristigen ca. drei Jahre. Die wichtigsten Zielländer sind hierbei China, USA, Brasilien, UK und Australien.

Gerade bei langfristigen Entsendungen haben die Expats komplexe interkulturelle Aufgaben zu bewältigen. Bei einer langen Entsendungsdauer ist es keineswegs unüblich, dass der Partner oder die Familie den Auslandsaufenthalt begleiten. Ein solcher Aufenthalt heißt für den Entsandten (und seinen Partner oder die Familie), dass bisherige Leben in einem anderen Land nicht schlichtweg fortzusetzen. Vielmehr ist es ein Neuanfang.

Kulturschock

Während eines längeren Auslandsaufenthaltes ist häufig Folgendes zu beobachten: Belastungen aufgrund anfänglicher Sprach- und Kommunikationsprobleme nehmen mit zunehmender Dauer des Aufenthaltes ab. Berufliche Probleme, wie Personal- und Führungsprobleme, hingegen bleiben konstant. Zusätzliche Anforderungen, die auf entsandte Manager oder Führungskräfte zukommen, sind mit Akkulturationsbelastungen verbunden. Dies sind Belastungen, die der Prozess des Hineinwachsens in eine fremde Kultur, die Akkulturation, mit sich bringt. Die Konfrontation mit einem neuen Umfeld hat zunächst eine schockhafte Wirkung auf den Erlebenden. Depressionszustände, Ängste, Entfremdungsgefühl und Identitätsprobleme können die schwerwiegenden Folgen sein.

In der Anthropologie wird dieses Phänomen mit dem Begriff des Kulturschocks, auch „Culture Clash“, beschrieben. Dieser durchläuft fünf Phasen:

1. Euphorie
In der ersten Phase, der Euphorie, findet keine Reflexion über das neu Erlebte statt, es wird lediglich „beobachtet“. Begeisterung und Optimismus zeigen sich gegenüber dem Fremden.

 2. Entfremdung/Distanzierung
Während der Entfremdung, auch Distanzierung, kommt es zu ersten Kontaktproblemen, die jedoch der eigenen Verantwortung zugeschrieben werden; kleinere Alltagsprobleme werden vordergründig.

3. Eskalation
Seinen Tiefpunkt erreicht der Akkulturationsprozess mit der Eskalation. Die Verantwortung für die entstandenen Probleme wird auf die fremde Kultur projiziert, während die eigene Kultur glorifiziert wird. Es tritt eine Krise aufgrund hoher Unsicherheit und Hilflosigkeit auf.

4. Missverständnisse
In der vierten Phase findet eine Abwägung des Erlebten statt. Die Konflikte werden als Missverständnisse aufgrund von Kulturdifferenzen verstanden. Durch zunehmenden Spracherwerb wird Selbstvertrauen aufgebaut. Man beginnt, sich in das soziale Umfeld zu integrieren.

5. Verstehen
Ein positiver, höchstmöglicher Anpassungsprozess an eine neue Kultur wird mit der fünften Phase, der Phase des Verstehens, erreicht. Kulturelle Unterschiede werden begriffen, erlernt und letztlich als etwas „Gutes“ anerkannt. Es herrscht ein Bewusstsein über Vor- und Nachteile der eigenen und der anderen Kultur.

Akkulturationsphasen

Meist beziehen sich Verweise auf den Kulturschocks auf den Fremdkulturschock. Jedoch darf der Eigenkulturschock, auch  „reentry shock“, nicht vergessen werden. Der Eigenkulturschock kann nach der Rückkehr eines Auslandsaufenthaltes in die eigene Kultur, die „Heimat“, erfolgen und hat oft sogar stärkere Auswirkungen als der im Ausland.

In Unternehmen versucht man diesen Kulturbelastungen mit gezielten HR-Maßnahmen entgegenzuwirken. Interkulturelle Trainings sollen die Expatriates auf den Aufenthalt und die interkulturellen Herausforderungen vorbereiten. Warum es jedoch auch hierbei zu Problemen kommen kann und welche Kriterien HR-Verantwortlichen bei der Auswahl des Trainings helfen, erfahren Sie im zweiten Teil vonWarum Entsendungen ins Ausland Personaler herausfordern“.

 

Quellen:
Stumpf, S. (2003/2007): „Interkulturelles Management.“ in Handbuch Interkulturelle Kommunikation und Kooperation. Band 2: Länder, Kulturen und interkulturelle Berufstätigkeit.

Wagner, W. (1996): Kulturschock Deutschland.
Barmeyer, C. (2012): Taschenlexikon Interkulturalität.
Thomas, A. (2005): Grundlagen der interkulturellen Psychologie.

 

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